Samstag, 25. April 2009

Das Motto vom Otto

Einmal werden wir noch wach, heißa dann ist ... wie oft habe ich das innerlich gesungen, um dann doch wieder enttäuscht zu werden. Dabei wurde ich schon vorgewarnt, daß bis Ende April in Montreal kein Frühling in Sicht sein werde. Heute endlich sind es 26°C und F. und J. machen es sich rund um die Müllhalde - unser Lieblingsgassigebiet übrigens - gemütlich. Bei noch bis gestern lediglich 5°C Nachttemperatur wollten die Blumen und Blätter bisher noch nicht so richtig. J. stöberte mir vor kurzem jedoch endlich ein paar sehr Mutige auf.

Riechst Du die auch?, fragte sie mich mit hocherhobener Nase. Nö, riech ich noch nicht. Trotzdem ist eine meiner heutigen Amtshandlungen das Anlegen eines neuen Ordners in meiner Fotodatei. Der Winter ist vergangen. Das erinnert mich zudem an diese kleine Mädchen, welches ich letztens mit ihrer Mutter auf meinem Weg von der Schule zur Metro traf. "Look mummy, flowers!" rief sie bestürzt und entzückt zugleich mit ihrer piepsigen Kinderstimme laut über die Straße. Die Mutter war weit weniger bestürzt und auch nicht entzückt und tat die Reaktion ihrer Tochter mit einem Wink ab. Die winzige Butterblume, die es sich zwischen Hauswand und Asphalt gemütlich gemacht hatte, war davon tief betroffen. So viel Mühe für wieder nix! Hätte die mal lieber woanders gestanden und wäre uns begegnet, denn uns steht die Freude über den Wetterwandel eindeutig ins Gesicht geschrieben.

J. begann angesichts der neuen Temperaturen vor etwa zwei Wochen ihre alljährliche Frühjahrsmetamorphose, die in diesem Frühling jedoch über die Maßen ausfällt. Unsere Wohnung ist mittlerweile ein einziger Haarteppich, so daß wir im Gegensatz zum Winter endlich mal keine kalten Füße zu Hause haben. Unserem Staubsauger, dem Krüppel, macht das alles sehr zu schaffen und er hat schon Urlaub beantragt.
Auch Otto, das uns zugelaufene Kamel, lassen J.s Gebärden unsicher werden - besonders auf den Beinen. Neuerdings hält er es daher nicht mehr auf dem ihm zugewiesenen und zugegebenermaßen warmen Platz auf dem Ofenrand aus. Ohne jegliche Vorwarnung springt er vom Ofen hinter, neben oder vor den Ofen und bleibt dort erst mal erschöpft liegen. Ich stelle ihn dann zur Abwechslung mal auf den kühlen Schrank. Vielleicht fühlt er sich bei den Bananen etwas heimischer.

Otto wird dabei viel von mir zugemutet. Er mußte sich gestern seinen Platz beispielsweise mit diesem Riesenhaufen Schwarzwolle teilen, den ich mit ein paar Strichen aus J.s Körper gekämmt hatte. Zu Beginn verkannte er ihn und begann an dem vermeintlichen, wenn auch kohlschwarzen, Gras zu knabbern. Ich wurde darauf aufmerksam, da ich Husten und Spucken aus der Küche vernahm. Otto war daraufhin sehr verärgert und wies mich darauf hin, daß die Schwarzwolle für unangenehm viel Wärme auf seinem Schrank sorgen würde. Nach einem Griff in den Haufen meinerseits mußte ich ihm Recht geben. Das konnte einem Kamel wie Otto nicht zugemutet werden. Wir machten noch eine Nahaufnahme für die Beschwerdekammer und dann wurde Otto vom Fellnachlass der J. befreit.

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