Samstag, 11. April 2009

Jaqueline, hast Du irgendwo den Schnee gesehen?

Unser Nachbar, ein waschechter Montrealais, meinte bisher mehrfach, daß er nicht verstünde, warum auch nur irgend jemand auf die blöde Idee gekommen wäre, hier eine Stadt hinzubauen. Man kann leicht verstehen, was er meint. Allein die Klimaargumente sprechen laut und für sich. Über die Hälfte des Jahres befindet sich Montral im Winter oder aber wenigstens im winterähnlichen Zustand. Bestes Beispiel dafür sind die letzten fünfeinhalb Monate. Im November wurde es kalt und der Wind unterstützte die abnehmenden Temparaturen mit aller Kraft, so daß ich mir schon Ende des Monats eine Schneehose zulegte, um besser für den Dezember gerüstet zu sein. F. hatte noch kurz vor dem RICHTIGEN Winter die wahnwitzige Idee, in dieser Aufmachung hier zwei Stunden täglich mit dem Tier an frischer Luft zu verbringen. 

Heute können wir darüber nur müde schmunzeln.

Denn Montreal hatte definitv mehr zu bieten, als sächsische Winterverhältnisse. Von Mitte Dezember bis Ende Februar ließen wir uns von bis zu -35°C und Wind durch den Schnee treiben. Die Stadt gefiel mir in dieser Zeit recht gut, da die weiße Pracht viele Betonflächen zudeckte und man endlich die kleinen "Park"-Schilder, die an jedem grünen Zipfel mit einem Busch und einem Baum drauf Naherholung versprechen, für annähernd gerechtfertigt halten konnte. Ich genoß auch, daß durch den meterhohen Schnee alles hell und sauber war. Erinnert Ihr Euch?

Wie hoch der Schnee tatsächlich war, kann ich kaum mehr oder nur schwer nachvollziehen, zum Beispiel dann, wenn ich durch einen Park laufe und Sitzbänke in voller Größe sowie Büsche wieder sehen kann, die mir vorher an den jeweiligen Stellen noch nie aufgefallen waren. Was außerdem weniger auffiel, waren Hundekot und allerlei Müll, den die schlauen Leute, die in den grünen Monaten eher reinlich veranlagt sind, gleich kleinen Schätzen zu verbuddeln und vergraben wußten. Mit dem Tauwetter wurden unzählige dieser kleinen Vermächtnisse wieder freigelegt. Was für eine Sauerei! Wahrscheinlich ist Montreal nie schmutziger und unansehnlicher als nach dem Winter.

Ab Anfang März gaben sich die Temperaturen alle Mühe, endlich regelmäßig wieder den Nullpunkt zu umspielen. In dieser Zeit wurde mir klar, um wievieles mehr in Montreal die Sonne scheint, als ich es bisher je irgendwo anders erlebt habe. Der Schnee konnte nur sehr allmählich von der Stadt lassen und selbst jetzt gibt es noch immer unzählige Stellen, an denen kleine, graue, vereiste Berglein herumliegen und auf bessere Zeiten warten. Außerdem waren dies die Wochen, in denen ich regelmäßig von einheimischen Kollegen gefragt wurde, ob ich denn nun nicht doch die Nase vom Winter voll hätte. Ich mußte unwillkürlich an unsere drei bei "Dollarama", dem kanadischen "MäcGeiz"-Äquivalent, für einen Dollar erstandenen Schuhabtropf-und-Wasserauffangschalen denken, die immer noch streusalzverkrustet unser Schuhregal bereichern, und antwortete jedes Mal wahrheitsgetreu: "Nein." 

F. und ich, wir haben uns dagegen entschieden, diese Schalen jemals sauberzumachen, da eine derartige Aktion Unmengen an agressivem Salz in unserer Badewanne und/oder in unseren Waschbecken hinterlassen würde, welches sich beim nächsten Waschen in unsere Haut fressen könnte. Bei derartigen Rostschäden an hiesigen Autos ist mit dem Streusalzrückständen sicher nicht zu spaßen.

Jetzt aber, innerhalb der letzten drei Wochen um genauer zu sein, dürfen wir uns immerhin an 6°C Tagestemperaturen ergötzen. Da kann man es schon mal wagen, das Tier schwimmen gehen zu schicken, sich selbst auf dem langsam getrockneten Gras langzulegen, oder überhaupt länger als 3 Minuten auf ein und derselben Stelle zu verbringen. Wir können ohne Handschuhe nach draußen gehen, müssen uns zum abendlichen Pullerngehen nicht mehr anhosen wie für einen dreistündigen Schneemarsch und sehen auch endlich wieder grün. Welche Erholung für die Augen! Und das ist ja immer noch Winter. Wenn mich jetzt jemand fragt, ob ich denn den Winter satt hätte, müßte ich mit "Ja!" antworten. Ich habe es so satt. Wir verharren hier in einem thermologischen Zwischenzustand, während Sachsen mit 24°C Tagestemperatur rumprotzen muß. Unfair, sage ich!

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