Freitag, 18. September 2009

Schlechte Gewohnheiten sollte man nicht zum Fenster hinauswerfen, sondern Stufe für Stufe die Treppe hinuntertragen.

Wir haben eine Wohnung gemietet. Sie ist schön, hell, sauber, nah am Stadtzentrum gelegen und finanzierbar. Daß wir täglich unsere kleine schwarze Katze (a.k.a. Jette) mindestens viermal die fünf Stockwerke hinunter und wieder hinauf bewegen müssen, läßt regelmäßig Sorgen um eventuelle Hüftkrankheiten unsere fürsorglichen Herzen überfluten. Denen schwören wir an den meisten Tagen nach kürzerer Überlegung ab und lassen uns davon überzeugen, daß J. weniger aufgrund gesundheitlicher Probleme, als vielmehr aus starkem (Wider-)Willen, der ihr ausdrucksstark ins fellige Gesicht geschrieben steht, jede Stufe einzeln beschnüfft und träge besteigt und an acht von zehn Absätzen zögernd fragt, ob sie denn jetzt allen Ernstes wieder bis nach oben laufen muß.
So weit, so gut - wir müssen trotz allem täglich zwischen sieben und acht Uhr den Innenhof aufsuchen, damit sich J. von ihrem Morgenurin lösen kann. Der Innenhof ist als Privatgelände der Wohnungsvermietungsgesellschaft mit einem Grasgrünstreifen und einem Wäscheplatz, sowie begrenzenden Büschen bestückt. Es hat sich in unserem Falle bewiesen, daß J. am Besten und erholsamsten ohne Zuschauer, auf Wiese oder in Heckenrändern pullern kann,. So bedingt unser Eigensinn, daß wir kaum jemals unliebsame Zeitgenossen im Hof treffen. Manchmal allerdings vereiteln die in den benachbarten Hauseingängen wohnenden, graubelockten, verwitweten, älteren Damen unsere koscheren Pläne. Da wird an Gardinen gezipfelt, auf Fensterbrettern gelehnt, sich schamlos zum Fenster herausgebeugt, hinter Vorhängen gelunscht und empört gehüstelt. Ein direktes Wort wurde bisher nicht an uns gerichtet, bis sich am gestrigen Morgen Frau Miesepeter aus dem zweiten Stock im dritten Eingang über F.s und J.s impertinentes Verhalten entrüstete:

"Also, Sie wissn aber schon, daß das hier geene Hundewiese is. Wenn Sie mid Ihrm Hunn rausgehn wolln, dann gehn Sie vorm Haus über de Schdraße - da is een Barg. Aber hier, hier schbieln doa auch Gindor [Anm. der Redaktion: bis auf den eigenen Neffen der A. waren noch nie welche zu sehen]. Isch schau mir das schon eene Weile mid an. Das lassn mir uns nisch gefalln. Da werd isch misch diregd an de G*** wendn. Eene zeidlang beobachde isch Sie jedzd schon. Sie wohn' ersd seid eenem Monad hier. Das gehd so nisch; das lassn wir uns nisch gefalln." ...

Wir sind seitdem beruhigt und überlegen ernsthaft, unser Fahrrad stets am Haus angebunden zu halten, statt es morgens aus dem Keller zu holen und abends wieder rein zu stapeln. Unter Frau Miespeters scharfem Blick sollte der Hof bestens unter Kontrolle sein. Vor unserem Auszug wäre dann eventuell sogar ein kleines Dankesentgelt für Frau M. angebracht.


Kommentare:

  1. Anmerken sollte man noch, daß J.s Kot natürlich immer beseitigt wird. Das weiß Frau Miesepeter aber nicht, weil sie die Wiese noch nie betreten hat.

    AntwortenLöschen
  2. Solche Mitmenschen braucht die Welt, denn sie sagen dir auch, DAS du Besuch hattest als du nicht zu Hause warst UND wie der Besuch gekleidet war, welche Automarke er fuhr usw.usw.

    IMMER gut informiert :-)

    LG Carola mit wackelnder Nachbargardine und langhälsiger Nebenhausbewohnerin

    AntwortenLöschen
  3. Aber Carola, meine Durchschnittsbesucher können sich doch nicht mal ein Auto leisten. Ich will nicht wissen, ob eben jene Nachbarinnen gar noch Buch über die Begängnisse in Eurem und unserem Hof führen und Großteile ihrer Wohnungen dann zum Archiv werden. Gottchen ...

    AntwortenLöschen
  4. Unsere Nachbarn haben unseren Besuch immer gleich angeraunzt, wenn sie vor deren Haus geparkt haben. Und unsere Handwerker wurden angeschnauzt, weil man wegen dem Dreck, den sich machten, die Fenster nochmal putzen müsse. Nun hat sich das Nachbar Problem biologisch ganz von alleine gelöst. Das ist der einzige Vorteil dieser alten Schachteln, das Ende ist absehbar.

    AntwortenLöschen
  5. Zum Glück wohne ich nicht mehr daheim im Dorf meiner Eltern, das nur etwa 280 Einwohner zählt. Da kennt man jeden Schuh und jedes Unterhemd. Früher, als man die frisch gewaschene Wäsche im eigenen Hof noch blickdicht zwischen den Bettüchern zum Trocknen aufhing, war das ja alles besser!

    AntwortenLöschen