Sonntag, 8. November 2009

Auch das Chaos gruppiert sich um einen festen Punkt, sonst wäre es nicht einmal als Chaos da

Fixpunkte sind ein Muß jedes menschlichen Alltags. Ich beispielsweise schlafe bei offenem Fenster, füge Kaffee nochmal diesselbe Menge Milch hinzu, kann keine Schuhe mit weißen Sohlen tragen, schaue bei jedem Vorbeigehen in den Briefkasten und wandere beim Zähneputzen durch die Wohnung. Mein Universum läßt sich so durch liebgewonne und strukturgebende Tätigkeiten in seiner Komplexität auf ein überschaubares Maß reduzieren.

Vor zwei Wochen erholt aus zweiwöchigem Urlaub zurückgekehrt kreiste mein heimischer Mond indessen um einen vollkommen neuen Stern: Kanadier B. hatte Einzug in meine Wohnstätte gehalten.



B. vergnügt sich in der Wohnung, macht J. den Platz unter dem Küchentisch streitig und weiß im Allgemeinen viel mit sich anzufangen. Er sägt nicht nur laut schnarchend Tag wie Nacht Unmengen an Bäumen, sondern verhält sich auch anderweitig wie die Axt im Walde. Schließt man die Tür hinter sich und vor ihm, dann winselt er. Wird er in der Wohnung zurückgelassen, dann bellt er - was in Anbetracht meiner kärglichen Zimmereinrichtung leicht auch von der Wohnungsbaugenossenschaft im 700m entfernten Stadtzentrum vernommen werden kann. Hält man Lebensmittel in den Händen, springt er wie ein wilder Bock durch die Lüfte. Und das Konzept "Chaos", welches bereits von F. experimentell und äußerst anschaulich analysiert wurde, definiert er neu - Heimpädagogik zum Anfassen.
Allein mit J. zu Hause zurückgelassen, durchforstete B. wiederholt in Holfzfällermanier die gesamte Wohnung nach Eßbarem, während J. an den nahenden Ärger ihrer Erziehungsberechtigten bei deren Wiederkunft dachte und verzweifelt die Pfoten über'm Kopf zusammenschlug. Am liebsten hätte B. gar die Tassen, die er nicht im eigenen Schrank hat, aus unserem Küchenregal geholt, wäre er groß und sportlich genug. Das Ergebnis seiner Schandtaten war jedoch nicht minder erschreckend.



Geschlossene Zimmertüren kosteten B. nur geringe Anstrengungen. Die zur Küche errichtete Blockade aus quergelegtem Wäscheständer und durch kiloschwere Futtertüten gesicherten Holzstühlen durchbrach er mit Leichtigkeit, unterwanderte die Heimregeln und gab sich einer ausführlichen Wohn- und Einrichtungsbegehung hin.



Der geneigte Leser stelle sich selbigen Raum am Vorabend in ähnlichem Zustand, nur mit höherer Verwüstungsstufe bei umgeworfenem Ofen, zerschmettertem Keramikhundenapf und einem Teppich aus roten Linsen vor.



In B.s Magen befanden sich an beiden Abenden je 500g Misch- sowie Vollkornbrot, welche er durch Stillsitzen in dunkler Ecke auszukurieren versuchte.


Daß es die umfangreiche Magenfüllung war, die B. eine Urinspur in der gesamten Wohnung verteilen ließ, läßt bei seinen Manieren nicht vermuten. Wie allgemein bekannt, erkennt man am Stumpf den Holzfäller - und ein wohlerzogener ist es in unserem Falle nicht.

Kommentare:

  1. Unglaublich! Aber durch Fotobeweise gesichert...
    Steht aber alles genau so in des Beagles Beschreibung :-) wenn man zwischen den Zeilen lesen kann!
    *Mitleid hinzufüg*

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  2. Dem Herrn sei Dank, daß nicht ICH den Kaufvertrag unterschrieben habe, sondern daß sich jemand Anderes damit rumplagen kann *hämisch grins*

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