Sonntag, 15. November 2009

T.G.I.F.! - Oder die flüchtige Furcht um das Bewahren der Fassung

Gefüllte Geldbörse und guter Geschmack versprachen mir und meiner guten Laune für das eben eingeleitete Wochenende schöne Tage bei der besten Freundin der Welt. Da diese in H. wohnt, galt es, auf dem direktesten und preiswertesten Wege zu ihr zu kommen, wofür sich das gut ausgebaute Netz der deutschen Bahn prinzipiell empfahl. Allerdings wird dieses den beiden, oben aufgeführten Kriterien vieler, vor allem jüngerer Reisender nicht gerecht, welche im Gegenzug nicht auf Schienen, sondern an der Seite williger, automobilbesitzender Pendler dem von ihnen gewünschten Ziel entgegenfahren. Mithilfe eines deutschlandweit agierenden, allseits bekannten und vielgenutzten Internetauftrittes fanden auch ich und meine Laune schon vor einigen Tagen den geeigneten Fahrer, der an zentralem Ort zu passender Uhrzeit D. in Richtung H. verlassen wollte. Wir vereinbarten die nötigen, näheren Details zu Treffpunkt und -zeit und zufrieden mit der Welt und mit des Fahrers Auftreten sah ich der gemeinsamen Reise entgegen.
Jürgen, 42, regelmäßiger Pendler zwischen H. und D., Vater zweier Kinder in H., Informatiker in D., machte zunächst einen passablen Eindruck, als ich ihm mit Sack und Pack entgegen schritt und wir erste Worte wechselten. Ganz Knigge nahm er Rucksäcke und Reisetaschen seiner drei Fahrbegleiterinnen A., A. und A. ab, öffnete Türen vor und schloß sie hinter ihnen, bot Pinkelpausen im Übermaße an und zeigte sich weder  übermäßig aufdringlich oder geschwätzig, noch definierte er seinen Johannes über seinen Wagen - der sich als solide Familienkutsche dazu zugegebenermaßen nicht angeboten hätte (VW Kombi, 97er Baujahr).
Allerdings breitete Jürgen bereits auf den ersten gemeinsamen Kilometern zur Autobahn zu meinem Leidwesen zahlreiche Beziehungsunfälle offenherzig vor uns aus - seine Freundin ging fremd, verließ ihn, wohnte weiterhin mit ihm im gemeinsam gemieteten Haus, er flüchtete sich den Großteil des Tages auf seine Arbeitsstelle und bekam daher zu spät mit, daß seine nun nicht mehr Angetraute ihren Lebensunterhalt in kuscheliger Heimarbeit verdiente. So weit ließ er sich treiben, bis ihn die Zeit in Form eines grauhaarigen, dickbäuchigen Mittfünfzigers mit den Worten "Ach, schon der Nächste da?" eines Tages endgültig zum Ausziehen bewegte. Als Jürgen seine Selbstdarstellung beendet hatte, war meine Laune längst im Keller und ich entschied mich, jegliche weitere Gesprächsversuche bereits im Keime durch lauthalses Mitsingen der frisch eingelegten Top100 der deutschen Singlecharts zu ersticken.
Indes hatte ich nicht mit gesanglichen Unfällen wie Chacahuda, Frauenarzt oder Sido gerechnet, die sich während der 5stündigen Fahrt strafend über mich ergossen und meinen Verstand unter sich begraben zu wollen schienen. Dem übersteuerten Radiogeplärre sowie unzähligen, immer gleich klingenden "tsts inks inks yeah ts drrrr ts ts dökädökädökädedökäs" hatte ich unglücklicherweise nichts entgegenzusetzen, da mein eigenes, prall mit guter Musik gefülltes MP3-Abspielgerät zu Hause auf dem Schreibtisch liegen geblieben war. Um meine spärliche Fassung zu bewahren, verlegte ich mich daher auf das Studium von Jürgens Scheibenwischern, deren lautes "möp möp ratteradatt" zwar keine dauerhafte klangliche Alternative boten, sich aber zumindest für die Dauer der Fahrt positiv auf meine Zurechnungsfähigkeit auswirkten.
Nachdem ich nun über die neuesten musikalischen Verbrechen wie Sido und seine DDR-Vergangenheit informiert und damit deutlich in die Nähe der Lebenswelt meiner zukünftigen Schüler gerückt bin - was sich im Übrigen vorteilhaft auf meine Lehrtätigkeit auswirken sollte - stellt sich mir allerdings die Frage, worin Gründe für Jürgens Verhalten zu suchen sind. War es möglicherweise die Verzweiflungstat eines Angehörigen der A-Gesellschaft? Ich persönlich bin ein B-Mensch, meine Systeme schalten sich erst am späten Vormittag an und laufen gegen 18 Uhr auf Hochtouren. Zur betreffenden Fahrzeit war ich demnach hellwach, konzentriert und voll aufnahmefähig. Mein Fahrer hingegen schien sein Leistungstief fatalerweise schon am zeitigen Nachmittag erreicht zu haben, weshalb er zu brutalen musikalischen Mitteln gegriffen haben mag, um die Fahrt von D. nach H. unbeschadet zu überstehen. Oder versuchte Jürgen davon abzulenken, daß er seine Hörhilfe vergessen hatte? Ich mag mir nur ungern vorstellen, daß es schlicht schlechter Geschmack war, der ihn auf derart herzlose Mittel zurückgreifen ließ - in diesem Falle würde ich demnächst jedoch beherzt zum Lautstärkeregler greifen und die Fahrt um einige Dezibel erträglicher gestalten.

Kommentare:

  1. hey a., wie versprochen hier ein kommentar... fein fein geschrieben... ich werd hier wohl öfter vorbeischauen

    beste grüße
    s.

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  2. schön. danke. hattest du einen guten heimweg?

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  3. Und wie war die Rückfahrt? :-)

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  4. Ging grad erst zu Ende. Noch habe ich A. nicht lebend gesehen...

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  5. Die Rückfahrt war sehr schnell vorbei, da mir mein langsam von wissenschaftlichen Rückständen entleerter Kopf erlaubte, zu lesen und zu lesen. Keine laute Musik, kein Regen und somit keine Scheibenwischer, außerdem drei stumme Mitfahrer. Konnte mir nur Recht sein.

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