Donnerstag, 21. Januar 2010

Das Wesentliche sieht man mit den Augen für gewöhnlich gut

Unter der morgendlichen Dusche lasse ich gern meine Nächte und vergangene Tage Revue passieren und stellte vor Kurzem verwundert fest, daß es mir chronisch an einigen einigermaßen wichtigen Details im Leben fehlt. Schlaf, gute Laune, Entspannung, regelmäßiger Geldeingang, Zeit zum Ausgeben des unregelmäßig eingehenden Geldes, oder auch Kleidung zählen zu den Mangelerscheinungen meines Daseins. Umso glücklicher hätte ich mich daher schätzen sollen, daß sich letzte Woche mehrere Mietparteien unseres Wohnhauses kurzerhand entschlossen, den Gehweg vor unserem Haus in ein buntes Potpourri aus Übriggebliebenem zu verwandeln. Dort hätte das Wort "Wühltisch" eine ganz neue Nuancierung erfahren und mir wäre das Tingeln durch die Geschäfte auf der Suche nach tollen WSV-Angeboten erspart geblieben, hätte ich mich zu einer Stöbertour durchringen können.

 

Stattdessen ging ich mit einem Geburtstagsgutschein bewaffnet in das Modegeschäft meines Vertrauens, um mich mit neuer Unterwäsche und anderen tauglichen Textilien auszustatten. Auf dem Weg in die obere Etage des Warenhauses stieß ich auf ein Werbeplakat folgenden Inhalts: Kauf' zwei, bekomme eins gratis. Ich lud daher ungewöhnlich viele Güter in meine beiden Hände, mußte hernach an der Kasse aber enttäuscht feststellen, daß die Geschäftsleitung mir statt eines Stückes bei zwei gekauften, lediglich eines bei drei Gekauften schenken wollte. Ich fügte mich nur unwillig in mein Schicksal und erstand zu guter Letzt doch drei modische, farbige, an der Oberkante weiß geringelte Strumpfpaare.



Das Geschäft im Nacken steuerte ich nach gelungener WSV-Mission geradewegs den nächsten Bäcker an. Die Auslage war recht adrett gestaltet und wartete mir, dem Kunden mit allerlei süßen wie herzhaften Teilchen auf. Bevor ich jedoch meinen Hunger mit Nußschnecken stillen lassen konnte, fiel mein Blick auf die von der jungen Bäckereifachverkäuferin beschriebene Angebotstafel. Das Grollen in meinem Magen verstummte, wurde doch dort tatsächlich die Unmöglichkeit beim Namen genannt: drei Fastnetsküchle gab es im Angebot für 1,60€, statt 0,60€ das Einzelxemplar. Was bei mir zu Hause noch ein klassischer Pfannkuchen sein darf, wurde hier in Form und Namen bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Ohne entsprechendes Bildmaterial müßte ICH mich in meiner neuen Wahlheimat noch davon überraschen lassen, was in meiner Backwarentüte landet. Ganz im Gegensatz zu mir gelang es übrigens meinem authentisch sächselnden Schwiegervater letztens, sich mit der schwäbelnden Backdame ohne visuelles Zusatzmaterial, dafür unter einigem Gelächter, aber völlig nonverbal auf die gewünschten "Broddels" zu einigen. Wo Form und Inhalt wie eben beschrieben recht eng beieinander liegen, sehe ich für mich Chancen zur Nachahmung. Indes haben Sahne- und Fruchtschnitten ebensoviel mit Käsebroten gemein, wie Donauwellen mit deutschen Flüssen, so daß ich durchaus noch härtere Übersetzungsarbeit im Backwarenbereich auf mich zukommen sehe.
Unglaubliche, teils gar befremdliche Ideen kommen unseren Mitmenschen jedoch nicht nur im regionalen Vollzug. So berichtete mir neulich der Fahrer einer bundesweiten MFG von einem potentiellen Mitfahrer, der ihm am Termin der Abreise immens bepackt erschien - mit drei Hartschalenkoffern, einem Fahrrad und einer hohen Zimmerpflanze. Dessen flockiges "Geht das klar?", mußte der Fahrer mit Kombi in handelsüblicher Größe dann verständlicherweise verneinen. Ebenso war Selbiger anderntags gezwungen, einer jungen Dame die Mitfahrt zu versagen, da diese ohne Vorankündigung mit zwei ausgewachsenen Rhodesian Ridgebacks vorstellig wurde. Die beiden weiteren MFGler, die schon auf der Rückbank Platz genommen hatten, waren wohl sichtlich erleichtert und mit der schnellen Reaktionsfähigkeit ihres Fahrers äußerst zufrieden.
Eine weitere, sprachliche Unmöglichkeit spiegelt sich darüber hinaus in der Bezeichnung einiger deutscher Berufsstände wider. Da lassen sich neben zahlreichen, fachlich versierten Optiker und Unmengen kundiger Augenärzte nun auch noch AUGENOPTIKER nieder und werben Kunden ab (wer sich in Dresden auf der Wildruffer Straße bewegt, sollte einmal den Blick auf die der Elbe näher liegenden Seite richten und wird dabei besagtes Geschäft entdecken). Daß sich das Arbeitsfeld eines Optikers von Berufs wegen auf die menschlichen Sehorgane beschränkt, hatte sich doch eigentlich schon bis in die hintersten Reihen der Saint-Exupery-Anhänger durchgesprochen und müßte nicht noch einmal ausdrücklich erwähnt werden. Daß man nur mit dem Herzen gut sieht und das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist, könnte allerdings eine tragende Rolle bei der Entscheidung spielen, ob ich mich in der nahen Zukunft vertrauensvoll in die Hände eines Fielmann-Angestellten bzw. einer Fielmann-Angestellten begeben werde oder nicht. Ob die Wahl auf Brille oder Kontaktlinsen fallen wird, steht außerdem auch noch nicht fest.

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