Freitag, 1. Januar 2010

"Wird's besser? Wird's schlimmer?" fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich. (Erich Kästner)



"Und, was macht Ihr an Silvester?" wird man oft gefragt, noch bevor man aus Eigeninitiative auch nur einen Gedanken an diesen FeierAbend verschwenden konnte. Was mache ich an Silvester? Was mach' ich bloß? Just in diesem Moment, da die wichtige Stunde von 23:30 Uhr bis 0:30 Uhr bereits der Vergangenheit angehört, kann ich innehalten, um diese Frage zu sondieren.
Früher waren die bunt(BE)knallten Nächte noch rein und bedurften keiner ausgefeilten Planung. Da wurde ich geschwind mitsamt meiner Schwester zu den Großeltern auf's 260-Seelen-Dorf gesteckt, wir tranken Sekt und Punsch, der mir damals keinerlei Gaumenfreuen bereitete, und hielten uns mithilfe des silvesterlichen Fernsehprogramms mühsam wach bis Mitternacht. Opa trat dann mit mir in den Hof, um das Lichtspektakel im Nachbardorf am Himmel zu betrachten, während Oma und die ängstliche Schwester aus sicherer Entfernung teils hinter, teils vor den Gardinen mitlugten. Meinem Erfahrungshorizont mangelte es damals an sinnestrunkenen Anrufen, euphorischen und ungewohnt zeichenreichen Kurznachrichten, ausgedehnten Umarmungen sowie ekstatischen "Frohes Neujahr"-Rufen. Unbedarft empfing mich nach der durchwachten Nacht mein Bett.
Mit noch unkonfirmierten 14 Jahren blies ich mich am 31. Dezember gemeinsam mit 15 weiteren blasfreudigen Menschen in eisigem Wind auf meiner Trompete ins neue Jahr, bis uns das Blech vor Kälte den Dienst versagte und ich mich nicht mehr der zuvor einstudierten Noten entsinnen konnte. Silvester hatte den Mantel der Unberührtheit zu dieser Zeit schon abgelegt und war ein Fest, das eben - herzlich unspektakulär, wenn auch etwas beschwipst - gefeiert wurde.
Von meinem 15. bis 22. Lebensjahr saß ich - die pubertäre, Brüste entwickelnde, sich suchende aber kaum findende Teenagerin - dann alljährlich zum Jahreswechsel mit befreundeten Jugendlichen meines Alters im durchgefrorenen, verschneiten, steinharten Nordseestrand und wärmte mein äußerlich gefrorenes Hinterteil von innen mit heißem Apfelsaft auf. Feuerwerke sahen wir in dieser Zeit nur spärlich und schätzen uns mit 4-stündigen, langatmigen Jahresrückblicken jedes Einzelnen der mitgefahrenen Freunde glücklich, zu den Menschen zu gehören, welche die vergangen 365 Tage zwar bewußt verabschiedeten, die Kommenden allerdings mit genauso unrealistischen Vorsätzen wie alle Anderen unserer Spezies begrüßten.
In den darauffolgenden zwei Jahren änderte sich der silvesterliche Schauplatz. Mit einer auf 6 Mann geschrumpften Gruppe machte ich nicht mehr die Nordseeküste unsicher, sondern ein  winziges usedomer Dorf. Statt weitschweifiger, selbstkritischer Reflektionen unterhielten uns Gesellschaftsspiele, und die Nacht genossen wir nach Opamanier wiederum nur kurz im Freien. 31 500 Usedomer boten uns ein eher unauffälliges Spektakel.
Mit 25 verspielten F. und ich den Jahreswechsel bei einer Partie Scrabble und wunderten uns nur kurzzeitig über den unüblich lauten Rabatz in der tumultgewohnten Dresdner Neustadt, bevor sich uns gegen 2:00 Uhr das neue Jahr offenbarte. 2008 besuchten wir in Montreal einen besinnlichen Gottesdienst und speisten hernach daheim in dicken Pullovern im zugluftigen Wohnzimmer, bis sich die Nacht des alten Jahres entledigt hatte.
Heute allerdings bleibe ich wieder unromantisch und verpacke obendrein mein gesamtes Hab und Gut in Umzugskisten. Rühmenswerte Pläne habe ich absichtlich nicht geschmiedet, da 2010 wahrlich genügend Stoff für ein weiteres Jahr bereithält. 18 Monate Lehramtsanwärterdienst stehen mir bevor - damit verbunden ein Umzug in den Süden des Landes, neue Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen, neue Gassigehgebiete und -betreuung, ein unbekannter Dialekt und unvertraute 'Ländler', deren Charakter ich mir neu erschließen muß.
Ich freue mich, daß J. die lärmende Tradition des Raketen- und Knallerschießens ungewohnt lässig hinnimmt und lediglich ab und zu ihre müden Lider hebt. Ich freue mich, wenn ich alles, was ich heute in Kisten gesteckt habe, in drei Tagen wieder herausholen kann. Ich bin dankbar, die im letzten Jahr neu erworbene Souveränität an meinen zukünftigen Schulschäfchen auszuleben zu können. Und besonders beglückt mich die Tatsache, mit F. und J. erneut ein gemeinsames Kapitel zu beginnen.
Frohes Neues Jahr!

Kommentare:

  1. Liebe A., eine wundervolles Jahr euch beiden im neuen Gewande. Möge es spannend sein und bleiben!

    der s. dem ähnliches blüht

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  2. Von Herzen wünsche auch ich euch einen guten, Erfolge versprechenden und mit besonders viel Glück behafteten Start in der Fremde!

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